Grundloses Glück
Er war unglücklich. Dann schoß er sich eine Kugel durch den Kopf, fiel ins Koma, erwachte und war ein anderer Mensch. Zum Glück, sagt Dauger. Nur was ihn in den Selbstmord getrieben hat, weiß er nicht mehr

Eigentlich hat Jürgen Dauger keine Probleme mehr.


Aber jetzt steht er am Tisch vor einem fremden Mann und weiß nicht was er machen soll. Wer ist dieser Mann, der sich einfach auf Daugers Platz gesetzt hat und seinen Braten verspeist? Der Mann am Tisch schaufelt das schöne Fleisch in sich hinein, als sei nichts, er wischt mit einem Knödelstück etwas Soße auf und blickt nicht einmal hoch. Und wo ist seine Frau? Dauger, 60 Jahre alt, steht da und guckt und denkt, dass ihn vielleicht jemand verschaukeln will, dass sich seine Frau einen üblen Scherz erlaubt hat, während er kurz weg war, die Hände waschen.


Zum Glück steht hinten im Restaurant, an einem anderen Tisch, jemand auf und winkt. Dauger erkennt seine Frau auf den zweiten Blick, auf dem rechten Auge ist er praktisch blind und mit dem linken sieht er auch nicht besonders gut. Dann marschiert er los und lässt dabei die Schultern nach vorne fallen. Er wackelt mühsam an den Tischen vorbei, jeder Schritt ein Vorwurf. Seine Frau lächelt Dauger zu, aber sie sieht auch besorgt aus. Vielleicht, weil sie schon weiß, was jetzt kommt. Dauger wird sich an den Tisch stellen und sehr wütend werden. Er wird sagen: Warum setzt du dich einfach um, ohne mir Bescheid zu sagen? Findest du das etwa komisch? Dann werden sich die Leute nach ihnen umdrehen und sich wundern, weil überhaupt niemand den Platz gewechselt ist. Es ist peinlich.


Dauger steht da und schimpft, und seine Frau sagt: Setz dich hin und iß‘, wir sind hier nicht alleine. Dauger setzt sich hin und spießt die Gabel in seinen Braten. Er zeigt mit dem Messer auf seine Jacke, die über dem Stuhl hängt und sagt in beleidigtem Ton: „Du denkst wirklich an alles. Verarschst mich und hängst sogar meine Jacke an den richtigen Platz.“


Früher wäre das nicht passiert. Dauger wäre einfach zur Toilette gegangen und ganz normal zum Tisch zurückgekehrt. Er hätte sich bei seiner Frau entschuldigt für die Unannehmlichkeit, mittendrin aufgestanden zu sein. Er hätte ganz bestimmt nicht im Restaurant herumgebrüllt. Der alte Dauger war ein Mensch mit feinen Sitten. Leider ist der alte Dauger tot. Dafür ist der neue Dauger endlich zufrieden. „Seit dem Unfall“, sagt er, „bin ich sehr glücklich.“ Er sagt Unfall, obwohl jeder weiß, dass es ein versuchter Selbstmord war. Bei einem Unfall schießt man nicht ein paar Mal zur Probe und sich erst dann in den Kopf. „Versuch ist eigentlich auch das falsche Wort“, sagt seine Frau Sybille. „Er hat den Mann, den ich kannte, umgebracht.“

Am 13.Oktober 1996 beschließt Dauger, sein Leben zu beenden. Die Pistole, mit der er sich durch das Kinn in den Schädel schießt, ist eine Smith & Wesson. Das Projektil, neun Millimeter, durchschlägt Zunge und Gaumen. Die Druckwelle zertrümmert den Oberkiefer, leiert die Muskeln und den Sehnerv des rechten Auges aus und zerstört große Teile des Frontallappens im Gehirn. Vorne an der Stirn tritt die Kugel wieder aus. Als er nach acht Wochen aus dem Koma erwacht, ist er ein anderer Mensch. Nicht übel, findet Dauger.


Dauger ißt seinen Braten schweigend und schnell, er schiebt die Stücke wie Boote über den Teller, und wenn sie vollgesogen sind mit Soße, steckt er sie in den Mund, eins nach dem anderen, ohne zu schlucken. „Stopf‘ nicht so“, sagt seine Frau. Sie legt die Hand auf Daugers Arm, damit er die Gabel nicht mehr zum Mund führen kann und erst mal hinunterschluckt. „Ich frage mich“, sagt sie dann, „ob er sich noch an sich erinnert. Meine Erinnerungen an ihn sind sind sehr dünn. Ich kannte ihn ja erst zweieinhalb Jahre.“ Heute sei er ein Zwitter, sagt sie, die eine Hälfte sehr gut, die andere böse und krank. Wenn die kranke Hälfte gewinnt, steigt Jürgen Dauger vor der Haustür aus dem Auto aus und sieht sich verwundert um wie ein Filmstar auf einer Premiere, zu der niemand erschienen ist. Wo sind all die Leute, will er wissen und verzerrt das Gesicht beleidigt zur Grimasse. Wenn die gute Hälfte siegt, hat man das Gefühl, man würde dem alten Dauger gegenüber stehen. Einem melancholischen Ritter, der seine Sanftmut hinter einem Panzer aus Schüchternheit verbirgt, einem gebildeten und höflichen Mann. „Darf ich Sie in unserer Wohnung begrüßen“, sagt er. „Darf es etwas zu trinken sein? Ich nehme schon mal Ihren Mantel.“

Es gibt eine neue Seite an Dauger, die wirklich komisch ist, sagt seine Frau. Wenn man ihm zehn Torten hinstellen würde und zehn Kübel Wein, er würde versuchen, alles hinunter zu schlingen. Er hat sich das Stopschild im Kopf weggeschossen, den Punkt, der ihm sagt, es reicht. Das gilt auch für Sex. Einmal ist sie nachts aufgewacht, weil ihr Mann sich an ihr verging. Dauger hatte ihren Hintern unter der Decke hervorspitzen sehen und sich darauf gestürzt, wie ein Tier. „Mir fehlt die Zärtlichkeit sehr“, sagt sie. „Aber ich kann ihn nicht mal mehr umarmen, das löst bei ihm sofort das Falsche aus.“ Dauger hat nun ein eigenes Schlafzimmer. Der Arzt hat ihr Triebhemmer mitgegeben, die sie ihrem Mann gelegentlich ins Essen mischt. „Das ist für mich das Ende vom Traum. Ich habe immer daran geglaubt, dass er wieder ganz der Alte wird.“


Im Januar 1994 erhält Sybille Dauger, geborene Brückner, eine Einladung zu einem Essen. „Ich habe einen Sechser im Lotto für dich“, wispert die Freundin ins Telefon, so dass Sybille, zwei Mal geschieden, den Eindruck gewinnt, das Essen sei lediglich ein höflicher Vorwand, und sie selbst in Wahrheit eine Kuh, die nur darauf vorbereitet werden soll, zur Leistungsschau geführt zu werden. Sie findet Jürgen Dauger nett und sehr gut aussehend, aber nicht weiter interessant. Ihm ergeht es anders. Er, ein erfolgreicher Chauffeur, steht bald mit Rosen, bald mit Schmuck vor ihrer Tür und versucht ihr eine Liebeserklärung abzuringen wie ein verknallter Teenager. Sie findet ihn herzig und anregend, ein intelligenter Mann mit einem Humor, über den sie lachen kann, so dass sie sich schließlich mit Dauger einläßt, den Schwur brechend, keine Beziehung mehr einzugehen, höchstens eine kleine Liebelei. Ihr letzter Mann ist ein Säufer und Schläger gewesen. Aber vielleicht, denkt sie, habe ich diesmal Glück. Erst viel später sagt ihr die Freundin: „Ich habe das Gefühl, mit dem stimmt was nicht.“


Sie sei sehr glücklich gewesen, endlich einen Mann gefunden zu haben, der alles war und hatte, wovon sie immer geträumt hatte. Und was das Glück nicht von selbst bringt, erzwingt Dauger. Er mag es, wenn die Dinge ihre Ordnung haben, die Sache berechenbar sind. So ist es nur logisch, dass er Sybille bittet, seine Frau zu werden, und dann, als sie Bedenken hat, gekränkt ist. „Schau, Bille, wenn wir nicht heiraten, brauchen wir auch die Wohnung nicht anzumieten. Und ich weiß doch, wie sehr sie dir gefällt.“ Sybille, Empfangsdame von Beruf, ist schlechteres gewohnt. „Das war das einzige Mal, dass er mich erpresst hat“, sagt sie. „Er war nicht so. Für seine Frau und die Familie hätte er alles getan.“


Die Hochzeit wird am 16. August 1996 am Starnberger See gefeiert, ein großes Bankett mit achtzig Gästen. Ein Freund hat das Fest mit der Videokamera aufgenommen und zusammen geschnitten wie einen richtigen Spielfilm. Dauger, 1 Meter 92 groß, ist der Hauptdarsteller. Er lacht und grinst sich durch die Kulisse. Er sieht glücklich aus. Er schmunzelt über sich selbst. Vor Aufregung sind Daugers Finger heiß und geschwollen. Sein Ehering passt nicht, Sybille muss den Finger mit Spucke anfeuchten. Nach der Trauzeremonie ruft sie ihrer Schwester zu: „Soviel Glück kann doch kein Mensch haben!“


Die Eckdaten in Daugers Leben sehen gut aus. Zufrieden ist er dennoch nicht. „Manchmal war er unglücklich, richtig depressiv“, sagt seine Frau. „Obwohl er ja gar keinen Grund dafür gehabt hat. Wir haben uns sehr geliebt.“ Dauger steigert sich in den Gedanken hinein, nicht glücklich genug zu sein. Wenn in der Firma etwas schief geht, beschimpft er seine Angestellten, sie würden ihm Steine in den Weg legen. Die anderen sind schuld, sagt er manchmal zu seiner Frau, die versuchen nur, mir das Geschäft zu verderben. Er fährt Prominente von München nach Monte Carlo, die Fahrten allein zurück sind eintönig und still. Am Steuer sitzend kann man sich eine Menge einbilden. Einmal, als die Firma kurzfristig in finanzielle Bedrängnis gerät, fährt er nach Bordeaux und klettert auf einen Kirchturm. Die Gendarmerie holt ihn wieder herunter. „Ich war häufig unglücklich. Ich weiß aber nicht mehr, warum“, sagt Dauger, trotzig. Es ist die beste Entschuldigung seines Lebens.


Das Sichtbarmachen des Zu-Tode-Leidens ist die Waffe des Selbstmörders. Während der Körper stirbt, bleibt die Anklage, bleiben die Fragen zurück. Woran leidet Dauger? Liebe, Geld, Familie, reicht das alles nicht? Er habe sich die Umstände immer so hingedreht, dass sie passen, sagt seine Frau. Das macht er immer noch so. Heute gelingt es ihm nur besser, weil seine Welt schöner ist. Kürzlich ist er vom Sofa aufgestanden um das Fenster zu schließen. „Das Meer ist so laut“, hat er gesagt. „Aber Jürgen“, gab seine Frau zurück, „wir sind in München und was du hörst, ist der Lärm der Straße.“ – „Du willst mich wieder anlügen“, wart er ihr vor, „wir sind doch auf Sardinien.“ – „Woher kommen dann die Bäume vor dem Fenster?“, fragte seine Frau, die wusste, dass es rings um ihr Ferienhaus auf Sardinien keinen einzigen Bäume gab. „Na, die sind halt über den Winter gewachsen.“


Vielleicht ist es für ihn ein Spiel, das er zu weit getrieben hat, glaubt sie. Dass der eine Moment, in dem er niemand anders für sein Unglücklichsein verantwortlich machen konnte, gereicht hat, sich selbst von der Festplatte zu löschen. Er hat nur nicht an das Gleichgewicht gedacht: Wenn einer gewinnt, muss ein anderer verlieren.


Die Hochzeitsreise sei sehr harmonisch gewesen, sagt Sybille Dauger. Ja, daran könne er sich auch erinnern, sagt Dauger, „denn Harmonie ist mir wichtig.“ Sie fahren gemeinsam nach Sardinien, sausen mit Daugers Wagen die Berge hinauf und hinunter, immer schneller, bis sie sich fühlen wie in dem Augenblick, wenn das Flugzeug von der Piste abhebt. „Er liebte das Autofahren so“, sagt Sybille Dauger. „Aber das hat er sich selbst genommen.“ Sie senkt ihre Stimme, damit Dauger sich nicht aufregt. Er ist der Überzeugung, seine Frau habe ihm den Führerschein abgenommen, um selbst mit dem Auto herumfahren zu können. Ein absurder Gedanke, aber er zeigt, warum Dauger endlich glücklich ist. Er lebt in einer Welt, auf die die Wirklichkeit keinen Einfluss mehr hat.


Am Abend des 12. Oktober 1996 kehrt das Ehepaar nach München zurück. „Jetzt habe ich Lust auf ein richtig bayerisches Essen“, sagt Dauger und dirigiert seine Frau in ein Restaurant mit blau-weiß-karierten Vorhängen. Weil es keinen Schweinebraten mehr gibt, wird Dauger ausfällig und beschimpft den Kellner. „Da habe ich mich schon gewundert. Früher hätte er sich eher die Zunge abgebissen, als ein Schimpfwort in den Mund zu nehmen“, sagt seine Frau. Zuhause will Dauger das Urlaubsvideo ansehen, nun, da der Abend sowieso verdorben ist, wenigstens noch ein bisschen Urlaubsstimmung retten. Der Recorder funktioniert nicht. „Verfluchte Scheißtechnik“, schimpft Dauger. Die Frau giftet zurück: „Lass das, du kannst das nicht!“ Ein bedeutungsloser Satz. Der sei vielleicht ein Fehler gewesen, sagt Sybille Dauger. Andererseits könne sie sich auch nicht die Schuld geben. „Wir waren beide genervt. Nach zweieinhalb Jahren denkt man doch, man könne einschätzen, wie empfindlich der andere ist.“


Sybille Dauger legt sich verstimmt zum Schlafen auf das Sofa im Wohnzimmer, Dauger grummelt im Schlafzimmer vor sich hin. Er schwitzt im eigenen Saft. Es ist wie auf den langen Fahrten in seinem Auto: Dauger alleine mit sich, eine Strecke vor sich, die durch nicht viel reizvoll gemacht wird. Was er sich ausmalt, muss gewaltig sein. Noch am nächsten Mittag ist das Laken feucht, die Decke verdreht. „Was auch immer er all die Jahre mit sich herumgetragen hat, ich habe es nicht kommen sehen“, sagt seine Frau. Dauger sagt: „Ich erinnere mich an meine Gefühlszustände. Da sind Gefühlsmaschinerien in Gang gekommen, auf die ich keinen Einfluss hatte. Ich hatte wohl das Bedürfnis, aus allem rauszukommen.“ Aus was rauskommen? „Ach, das weiß ich nicht mehr.“


Gegen halb zwölf Mittags am 13. Oktober erhebt sich Dauger von den feuchten Laken. Er kleidet sich an und verlässt die Wohnung. Es ist 12 Uhr 23. Er gehe ins Geschäft und würde bei der Gelegenheit den Müll mit herunternehmen, sagt er seiner Frau noch. Die findet, dass er irgendwie komisch aussieht. „Die Augen waren so leer und stumpf, ich dachte, der ist bestimmt krank.“ Sie wischt den Gedanken weg und lüftet die stickige Wohnung, hört eine CD mit italienischen Balladen und summt die Melodien leise mit.

Dauger geht in die Parkgarage. Vielleicht hat er mit dem Autoschlüssel gespielt, wie er es immer gemacht hat, den ledernen Anhänger dabei über die Handfläche sausen lassen, ein Geräusch, dass durch die Garage hallt. Gegen 12 Uhr 30 setzt sich ans Steuer seines schwarzen Saab 9000 und öffnet das Handschuhfach. Darin liegt schon länger, in einer silberfarbenen Box, eine Pistole, die er im Nachlass seiner Tante gefunden hat. Sie erinnere sich, dass er einmal versucht habe, die Waffe loszuwerden, sagt Sybille Dauger. Aber die Polizsten gaben ihm nur eine Menge Formulare mit, und er hatte keine Lust auf den Papierkram gehabt. In der Pistole befinden sich sechs Patronen. Unklar ist, warum Dauger zwei davon in den Boden des Wagens schießt und eine durch das Dach. Die vierte Kugel trifft Dauger selbst. Er schießt mit der linken Hand, obwohl er Rechtshänder ist. „Ich bin sicher, dass er sich nicht umbringen wollte“, sagt seine Frau, „er wollte wieder nur drohen. Er war doch ein intelligenter Mann, er wusste, wie man sich richtig erschießt.“


Es ist ungefähr 12 Uhr 50. Dauger ist nicht tot. Er lebt so gut es geht, obwohl das Blut in Fontänen aus ihm herausschießt. Vermutlich um Hilfe zu holen, fährt er los, bis der Körper sich aufgibt. Dauger kracht in die Waschküche und schießt noch einmal, um auf sich aufmerksam zu machen. Oben in der Wohnung packt Sybille Dauger die Koffer aus.


Manchmal denkt sie, dass man Dauger vielleicht hätte retten können, wenn die Polizisten besser reagiert hätten. Wenn sie nicht vor lauter Angst drei Stunden vor der Garage gestanden hätten, weil sie dachten, in der Garage würde ein Amokläufer wüten . Dann wieder, dass ihr Mann sowieso verloren war, weil die Kugel den lieben, alten Dauger bereits mit sich gerissen hatte. Dem trauert sie nach, während ihr Mann den neuen Dauger willkommen hieß. Nach acht Wochen erwacht Dauger aus dem Koma. „Hallo, hallo, Jürgen, hörst du mich?“, ruft seine Frau. „Ja, Schatz“ , sagt er. „Kein Anlass zur Freude“, meint der Arzt. Depressionen dürfe er jetzt zwar keine mehr haben. Aber ihr Mann werde ein Depp bleiben.

„Ich habe damals geantwortet: Mein Mann war nie ein Depp, und er wird auch nie einer sein.“ Daran klammert sich Sybille Dauger. Sie verfolgt jeden seiner Fortschritte mit bangem Interesse. Je mehr Dauger zum Leben zurückkehrt, desto klarer wird ihr, dass ihr Mann verloren ist. Als Dauger wieder zu sprechen beginnt, erst stockend, dann immer flüssiger, als die Vokabeln sich wieder einfinden und das Wissen, glaubt sie, dass ihr Mann nicht für immer verschwunden ist, sondern nur eine kleine Auszeit genommen hat. Erst spät merkt sie, dass seine Stimme nicht mehr die alte ist, sondern ein giggelndes Tremolo besitzt und die frühere Klarheit einem schleppenden Nuscheln gewichen ist. Dauger ist nicht mehr intelligent, nur noch gebildet. Er liest täglich Zeitung und spielt Schach, aber er vergisst, auf die Toilette zu gehen, wenn niemand ihm sagt, wo die Toilette ist. Er ist ein großartiger Skatspieler und gleichzeitig orientierungslos wie ein kleines Kind. Einmal macht das Ehepaar einen Fahrradausflug. „Ich muss mal, bitte warte hier“, sagt seine Frau und verschwindet im Gebüsch. Als sie wiederkommt, steht ihr Fahrrad noch da; Dauger ist einfach weitergeradelt. Sie fährt ihm hinterher, bis der Weg sich zweimal gabelt. Dann verliert sich Daugers Spur.


Drei Tage und zwei Nächte hat die Polizei damals nach ihm gesucht. Sie finden Dauger vor der Haustür eines verängstigten Mannes, bei dem Dauger Sturm geklingelt hatte, schmutzig und nach Urin stinkend, weil er vergessen hatte, wie man eine Toilette benutzt. Als ihm seine Frau am Abend mit der Pinzette die Steine aus den Fußsohlen pickte, war das einzige, was er sagte: „Warum hast du mich solange alleine gelassen?“


Die Narbe auf Daugers Stirn ist groß und verläuft sternförmig, die unter dem Kinn ist klein und rund wie ein Korken. Er ist fett geworden, weil er alles in sich hineinstopft. Er kann keinen Sport mehr machen, weil ihm dafür die Kraft fehlt. Früher spielte er Tennis und Squash. „Für den Hausgebrauch war ich richtig gut.“ Wenn man Dauger fragt, ob er sich durch den Schuss verändert habe, sagte er: „Wieso sollte ich mich verändert haben? Ich bin der geblieben, der ich war. Meine Frau, die hat sich verändert. Nimmt mir den Führerschein weg und die Arbeit und kommandiert mich herum, als wäre ich blöde.“

Vielleicht, denkt Sybille Dauger, habe ich ihn nie gekannt - bin ich ungerecht, dass ich so undankbar bin? Dauger sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Nur das Autofahren, das fehlt mir sehr. Vielleicht lässt mich meine Frau ja irgendwann wieder.“ Dann, zu seiner Frau gewandt: „Was guckst du so, erzähle ich was Falsches?“


Das Ehepaar lebt die Tage in einer vorsichtigen Inszenierung von zerbrechlicher Normalität. Morgens liegt seine Kleidung für den Tag auf dem Bett, als habe Dauger sie selbst hingelegt. die Frau knöpft Hemd und Hose so auf, dass er nur noch hineinschlüpfen muss, ohne um Hilfe zu bitten. Wenn sie ihm hilft, macht ihn das wütend, er beschimpft sie und ruft, er sei doch kein Kind, das man bemuttern müsse. Sie klammert sich an die Momente, in denen er seine alte Überlegenheit zeigen kann.

Im Fernsehen läuft eine Quizsendung, die sie so gerne gucken. Welchen Beruf übte Johann Wolfgang Goethe aus? Es ist die 4000 Euro-Frage. Dauger lehnt sich zurück und sagt: „Jetzt möchte ich mal sehen, ob du das weißt.“ Es ist ein schöner Moment. Der alte Dauger ist kurz zurückgekehrt. Triumphierend ruft er: „Rechtsanwalt!“. Ein kleines Glück.