Fünf Freunde
Soll man mit seinen Ex-Freunden gut Freund bleiben? Unsere Autorin meinte immer: auf keinen Fall. Bis sie ihre ersten fünf Liebhaber wieder besuchte.

Text Susanne Frömel, Bilder Manuel Krug


5. Scott: "Ich kann immer noch verstehen, warum ich in ihn verliebt war."

4. Ralf: "Er hat kein Stückchen Begeisterungsfähigkeit mehr übrig."

3. Wolfgang: "Er ist wirklich, und ich übertreibe nicht, ganz genau wie früher."

2. Frank: "Er riecht immer noch wie früher, nach Weichspülmittel und Niveacreme."

1. Gereon: "Er hatte unglaubliche O-Beine, ich fand Gebrechen an Männern süss."


Ex-Freunde sind schrecklich. Wenn ich höre, wie mir jemand zulügt: "Wir sind gute Freunde geblieben", muss ich lachen, weil ich kaum glaubwürdige Menschen kenne, die sich nicht schämen, einander geliebt zu haben, wenn es mit der Liebe mal vorbei ist. Sie schämen sich für die schlechten Angewohnheiten des anderen, für eigene schlechte Angewohnheiten (die sie im Lauf der Beziehung angenommen haben), sie schämen sich für ihr Benehmen. Am häufigsten schämen sie sich aber dafür, wer der Partner war. "Er war genau der, den ich damals gebraucht habe, so eine Art Vaterfigur", sagen sie dann, oder: "Heute weiss ich natürlich, dass wir nicht zueinander gepasst haben, aber das konnte ich damals noch nicht so klar sehen."

Das heisst nicht, dass es nicht wünschenswert wäre, miteinander gut Freund zu bleiben, schliesslich ist die Liebe etwas, das einen verbinden sollte. Der Versuch ist löblich, aber nicht praktikabel. Echte, saftige Liebe hat einen Anfang und ein Ende und plantscht nicht jahrelang im seichten Gewässer der Kumpelei herum. Wo bleibt der Schmerz, die Enttäuschung? Wo die Wut?


Ex-Freunde sind nicht zufällig Ex-Freunde, sondern der Beweis einer Verfehlung, an die man sich nicht ständig erinnern sollte. Ex-Freunde sind lehrreiche Kapitel in Büchern, die man liest, versteht und zurück in den Schrank stellt, um sie nie wieder zu öffnen.


Was meine Ex-Freunde betrifft, so habe ich mit keinem der "Grossen Fünf" noch Kontakt, und das liegt vor allem daran, dass ich nicht daran erinnert werden will, wie ich früher war: Ich möchte mir nur ungern wieder begegnen. Jeder hat seinen Grund. Meiner ist Scham: Ich glaube, ich wäre mir selber peinlich.

Aber die Wahrheit ist: Ich will sie alle wiedersehen. Ich möchte die schlechten Gefühle, die Minderwertigkeitskomplexe, die Lügen von damals hochwürgen, wiederkäuen und ausspucken, bis die Sache wirklich vorbei ist. Ich möchte mich entschuldigen und die Dinge sagen, die ich vor fünfzehn, zwölf, zehn Jahren nicht sagen konnte, und ich möchte hören, was sie mir zu sagen haben, das heisst, falls sie überhaupt noch mit mir reden.


1. Gereon

Ich beginne mit dem Ersten. Ein Freund gibt mir Gereons Mailadresse, und ein paar Tage später schreibe ich ein E-Mail voller Weisst-du-nochs, und schon geniere ich mich wieder genau wie früher, als Gereon mir, so oft er konnte, das Gefühl gab, ich sei ein kleines Kind und er schon ein richtiger Kerl. Am Ende des Mails ist nichts mehr von mir übrig. Ich bin wieder dreizehn Jahre alt und habe keine Ahnung vom Leben.

Es war so: Wir knutschten etwa ein Jahr lang miteinander, und zwar ausschliesslich im Dunkeln (in den Ferien oder an Feiertagen), tagsüber hingegen taten wir so, als würden wir uns nicht kennen. Wir befanden uns mitten in einem Wettstreit der Geschlechter: Derjenige, der das grösste Desinteresse am anderen heucheln konnte, hatte gewonnen, und ich muss zugeben, dass Gereon die bessere Strategie hatte. Er sprach nicht nur kein Wort mit mir, er nannte mich sogar "Mutter". Heute bin ich nicht mehr so empfindlich wie damals, und wenn mich jemand beleidigt, dann wende ich ihm einfach den Rücken zu. Aber damals, im vorpubertären Rausch, machte es mich fertig. Ich glaube im Nachhinein, dass "Mutter" unsere Liebe getötet hat, und so wischten wir uns eines Morgens den Mund ab, ohne zu wissen, dass das unser allerletzter Kuss war.


Sechs Wochen später habe ich immer noch keine Antwort. Ich ärgere mich, und dann ärgere ich mich, dass ich mich geärgert habe. Und am nächsten Morgen bekomme ich ein E-Mail von Gereon, der mich einlädt, ihn zu Hause zu besuchen. Er wohnt ungefähr fünf Stunden entfernt, und während der Fahrt denke ich darüber nach, warum ich mich damals in Gereon verknallt habe. Und finde fünf Gründe:


- Er hatte von allen im Ruderklub das schönste Boot.

- Wenn er Sonnenbrand hatte, sahen die hellblonden Haare auf seinen Armen besonders blond und schön aus.

- Er beachtete mich überhaupt nicht, das machte ihn unwiderstehlich.

- Er hatte unglaubliche O-Beine, ich fand Gebrechen an Männern süss.

  1. -Er hatte ein goldenes Rennrad, ich nur ein altes Hollandrad.


Das sind die Argumente, die ich damals für Gereon in die Waagschale geworfen habe, und ich schätze, dass er keines davon in die Erwachsenenwelt gerettet hat, von seinen Beinen mal abgesehen. Das bedeutet, dass ich ihn wohl nicht mehr anziehend finden werde, sondern froh sein kann, dass es irgendwann aus war, sonst wäre mir mitten in der Pubertät die Einsicht gekommen, dass ich mit jemandem zusammen war, zu dessen grössten Vorzügen es gehörte, ein goldenes Fahrrad zu haben.


Als ich aus dem Auto steige, wird mir sofort klar, dass der Mann mit dem Jungen von damals nicht viel zu tun hat. Gereons Haar ist viel dunkler geworden, es hat jetzt die Farbe von sommermüdem Weizen, das neue Rad lehnt am Zaun und sieht gewöhnlich aus. Er lebt in einem Vorort in einer ehemaligen Bahnhofsgaststätte, mit seiner Freundin, die eine so steile Falte zwischen den Augenbrauen hat, dass ich automatisch jeden Satz in eine Frage umformuliere: "Ich gehe mal auf die Toilette - oder?" und: "Ich nehme noch ein Wasser - oder?". Ich stelle fest, dass Gereon immer noch die gleichen Klamotten trägt wie damals, Jeans und Hemd, und dass er nicht, wie ich mir damals ausmalte, Abenteurer oder Forscher geworden ist, sondern Vertreter für ein Softwareprogramm zur Erstellung von Holzwendeltreppen (allerdings mit Ingenieurstitel). Er spielt CDs, die mir gefallen - Thievery Corporation, Kruder & Dorfmeister -, und später drückt er Knöpfe an seiner vollautomatischen Cappuccinomaschine, bis sie einen wüst aufgeschäumten Milchberg zu Tage fördert. Er ist nett und aufgeräumt, die Wohnung ist nett und aufgeräumt, und im Laufe einer netten Konversation höre ich, dass er seinen letzten Urlaub am Gardasee verbracht hat, dass er nicht mehr rudert, sondern Marathon läuft und dass er seine Laufpokale auf dem Küchenschrank sammelt.


Er erzählt, dass er nach mir vier Jahre lang keine geküsst hat und dass ihm die "Mutter"-Sache Leid tut, er sich aber nicht mehr daran erinnern kann. Am Ende des Abends fühle ich mich bestens. Statt mieser Gefühle bleiben nur Laufpokale auf Küchenschränken und vollautomatische Cappuccinomaschinen.


2. Frank

Frank ist schwerer zu erreichen. Ich rufe eine Menge Bekannte an, und es dauert zwei Tage, bis ich einen finde, der die Handynummer hat. Ich trage den Zettel schon seit Tagen mit mir rum, ohne die Nummer zu wählen; das heisst, nicht ganz. Einmal habe ich angerufen, aber ich landete auf der Combox und war enttäuscht, weil sich eine Frauenstimme meldete. Ich hätte mir gewünscht, dass er keine Freundin hat, weil Frank der einzige Mann in meinem Leben war, den ich gerne behalten hätte, und ich hasse ihn schon wieder dafür, dass er mir damals das Herz gebrochen hat.


Ich weiss, dass er heroinabhängig geworden ist und eine Zeit lang im Gefängnis war, deshalb sollte ich froh sein, dass er überhaupt noch lebt, und das bin ich auch. Aber irgendwie hatte ich in den letzten Jahren die Vorstellung im Kopf, dass der erste Mann, mit dem ich Sex mit allem Drum und Dran hatte, gestorben ist - allerdings nicht, ohne sich zu grämen, dass er nicht mit mir gemeinsam in ein besseres Leben gestartet war. Wenn man nur die Nettozeit nimmt, waren wir nicht sehr lange zusammen, vielleicht drei Wochen, aber dem Ganzen ging ein halbes Jahr sehnsüchtiger Vorarbeit voraus. Ich hing an denselben Orten herum, bekiffte mich mit ihm und sah in seine grossen blauen Augen. Er war immer freundlich zu mir, obwohl er 19 war und ich erst 15, und wenn ich den letzten Bus verpasst hatte, fuhr er mich mit seinem VW-Bus nach Hause. Ich war so verliebt, dass ich abends wie betäubt ins Bett sank und morgens mit dem ersten Vogelzwitscher aufsprang.


In der Schule übte ich, mit seinem Nachnamen zu unterschreiben, und als wir endlich zusammenkamen, wäre ich vor Glück fast geplatzt. Irgendwann übernachtete er bei mir, und wir, na ja, taten es. Es war keine grosse Sache, und ich kann nicht behaupten, dass er sich besonders viel Mühe gegeben hätte, auch wenn ich damals von Vorspiel nicht viel wusste (der Freund meiner Freundin rief wenigstens: "Achtung, ich dringe jetzt in dich ein!" Ich fand das relativ engagiert, auch wenn es sich anhörte wie ein Marschbefehl). Danach schlief er ein, und ich sass noch eine Weile kichernd im Bett herum, weil ich so aufgeregt war. Und als ich am nächsten Morgen in die Weihnachtsferien zu meinem Vater fuhr, ging er schnurstracks los und schlief mit seiner Ex-Freundin


Ich weiss heute noch den Namen dieser Frau: Nicole Klammhaber. Ich machte mit Frank Schluss, ohne eine Träne zu vergiessen, weil ich zu stolz war, vor ihm zu heulen. Kurz darauf wurde ich beim Kiffen in der Öffentlichkeit erwischt, meine Mutter brummte mir ein Jahr Hausarrest auf, und ich musste die ganze Zeit mit Horst absitzen, dem damaligen Freund meiner Mutter, einem früh pensionierten Polizisten mit Schnurrbart und Goldkettchen. Kurz: An meinem ganzen Elend hatte allein Frank Schuld.


Ich rufe ihn schliesslich doch an, mit zitternden Fingern und wahnsinnigem Herzklopfen, und er hat keine Ahnung, wer ich bin. Mir wird schlecht. Bis ich mich gefangen habe, vergehen bestimmt zehn, zwanzig Sekunden, und er ruft "Hallo? Hallo?" in den Hörer. Ich fange an, mich zu beschreiben und zähle ein paar gemeinsame Erlebnisse auf (das eine Wichtige lasse ich natürlich aus), dann sagt er endlich: "Ach, jetzt erinnere ich mich." Die beinahe grösste Liebe meines Lebens braucht Starthilfe.


Wir verabreden uns am Bahnhof, weil seine Freundin so eifersüchtig ist, dass wir uns nicht zu Hause treffen können, das behauptet er zumindest. Ich komme zu spät, und dann laufe ich auch noch an ihm vorbei, weil er kein dunkles Haar mehr hat, sondern blonde Strähnen. Wir umarmen uns, und ich schnuppere an ihm wie ein Hund, weil er immer noch so riecht wie früher, nach Weichspülmittel und Niveacreme. Frank hat den gleichen Gang wie früher, ein kleines Watscheln mit nach aussen gedrehten Füssen, nur kleidet er sich vollkommen anders. Er trägt eine Jacke aus 100 Prozent Plastik, bei der man schon vom Angucken ein fieses Gefühl in den Fingerspitzen bekommt, und eine Hose mit zwei riesigen Rissen am Hintern. Wie sich herausstellt, war das Leben nicht besonders nett zu ihm. Er hat eine saubere Fixerkarriere hingelegt und war insgesamt 45 Monate im Gefängnis. Ich denke, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, dass er damals mit Nicole Klammhaber geschlafen hat und nicht mehr mit mir, aber ich sage es nicht. Wir reden eine Menge über ihn, und ich gebe eine Menge pädagogisches Zeug zum Besten, das ich mal gelesen habe. Seine jetzige Freundin hat er in der Therapie kennen gelernt, sie sind jetzt seit anderthalb Jahren clean, das ist für den Anfang nicht schlecht. Beide arbeiten als Verpacker in einer Würstchenfabrik, er in der Nachtschicht, sie am Tag.


Er zeigt mir ein Foto von ihr, und ich stelle zufrieden fest, dass sie nicht besonders gut aussieht, sondern eher langweilig, und allein die Tatsache macht mich so froh, dass ich mich bei ihm einhake und so tue, als wären wir gute Freunde und nicht Ex-Freunde. Ich finde es schön, wie erwachsen er redet und dass er von Verantwortung spricht und von vertaner Zeit, sodass ich den Eindruck bekomme, er wird nicht sofort tot umfallen oder zurück in die Szene huschen, wenn ich wieder abfahre.


Ich bin alt genug, um zu wissen, dass man manchmal mehr liebt als der andere. Ich weiss auch, dass manche Leute sich nicht viel um Erinnerungen scheren. Ich bin mir fast sicher, dass ich Frank in meinem Leben nie wieder sehen werde. Gerade als ich ein paar Tränen des Abschieds verdrücke, haut er mir so richtig eine rein. Er merkt es nicht einmal. "Lustig, dass du angerufen hast", sagt er, "ich musste nämlich neulich noch an dich denken. Ich dachte nur, du heisst Nicole."


Wenn ich eingangs sagte, dass ich fürchte, mir selber peinlich zu sein, dann meine ich damit nicht eine grundsätzliche Charakterdeformation, eher all die Momente, in denen man eigentlich weiss, dass man Blödsinn macht, aber entweder a) nicht aufhören kann, weil man sich sonst vor seinen Freunden lächerlich machen würde, oder b) nicht aufhören kann, weil man keine Ahnung hat, wie man aus der Situation wieder heil herauskommen soll. Wolfgang ist definitiv ein Fall der Kategorie B.


3. Wolfgang

Jeder Idiot weiss, dass man mit guten Freunden nicht ins Bett gehen soll, aber das hielt mich nicht davon ab, es trotzdem zu tun. Wir waren allerbeste Freunde und trafen uns jeden Tag nach der Schule. Wolfgang half mir über Frank weg (und die Spätfolgen von Horst und dem Hausarrest), ich half ihm über Maria weg, die so etwas wie das weibliche Gegenstück zu Frank war. Wolfgang war damals Waver oder Gruftie, jedenfalls hörte er seltsame Musik, umrandete sich die Augen mit Kajalstift und trug die Haare hoch toupiert zu einem riesigen Helm. Er kritzelte mir den Text von "Fütter mein Ego" (ein Lied der Einstürzenden Neubauten, soweit ich mich erinnere) auf mein Hausaufgabenheft, und hätte mich jemand bei einer Umfrage gefragt, was mein Typ Mann sei, hätte ich jederzeit auf Wolfgang gezeigt und gesagt: Der da jedenfalls nicht. Auf sehr freundschaftliche Art liebten wir uns heiss und innig, und wenn wir in Urlaub fuhren, schrieben wir uns täglich Postkarten nach Hause. Ich war 17, er 19. Es war eine herrliche Zeit.


An einem Wochenende waren wir auf dem Weg nach Hause - manchmal übernachteten wir beieinander -, und wir waren ein bisschen angetrunken, aber nicht völlig von Sinnen. Ich habe keine Ahnung, wieso, aber als wir in Wolfgangs Zimmer ankamen, fielen wir übereinander her, ohne dass es einen Anlass gegeben hätte. Wir waren nicht einmal aneinander interessiert, vielleicht wollten wir nur ausprobieren, ob es nicht doch klappte. Es klappte natürlich nicht, das heisst, die Sache selbst klappte schon, es war wunderbar. Aber damit war alles aus. Am nächsten Morgen war mir, als würde ich neben einem Fremden aufwachen, aber weil wir beide keine Ahnung hatten, wie man mit so einer Situation umgehen sollte, machten wir einfach weiter und versuchten, so zu tun, als wären wir in einander verliebt.


Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie sich Leute fühlen müssen, deren Ehe arrangiert wurde. Wolfgangs und meine Beziehung war vom ersten Tag an leidenschaftslos, die Küsse schmeckten schal wie Blumenwasser, und wir störten uns an Kleinigkeiten: Wie der andere ass oder rauchte, ging oder stand, uns war alles zuwider. Mit einem Schlag wurden wir desillusioniert wie unsere Eltern. Es ging vielleicht drei Wochen, in denen uns jede Ausrede gut genug war, einander nicht sehen zu müssen. Und als Wolfgang zu unser beider Erleichterung endlich sagte, was gesagt werden musste (er sagte: "Eigentlich mögen wir uns doch viel zu gern für so was" und dehnte dabei das letzte Wort, als sei es eine ekelhafte Krankheit), da war es bereits viel zu spät. Aus den Herbstferien, die bald darauf anbrachen, schrieb ich keine einzige Postkarte, und als ich nach Hause kam, war auch mein Briefkasten leer.


In Sachen Kommunikation habe ich seitdem viel gelernt, nicht alles, aber doch genug, um derlei Verwicklungen in Zukunft schnell und diplomatisch lösen zu können. Auf gewisse Weise sind wir uns treu geblieben, Wolfgang und ich: Zu unseren Geburtstagen und zu Weihnachten schreiben wir uns immer noch Postkarten, und darum ist es für mich ein Klacks, ihn anzurufen, damit wir uns endlich aussprechen können.


Wir umarmen uns ganz fest, und dann lachen wir über unsere eigene Blödheit. Er ist wirklich, und ich übertreibe nicht, ganz genau wie früher. Das Einzige, was sich verändert hat, ist seine Frisur, aber darüber bin ich nicht traurig. Er trägt das Haar jetzt kurz geschnitten, und es steht ihm gut. Seine Kleidung hat er angepasst, es ist immer noch alles schwarz, aber gesetzter, keine wallenden Gewänder mehr, sondern ein Pullunder und eine Bundfaltenhose. Er leitet ein kleines Programmkino, und dementsprechend ist seine Wohnung voller Poster, von asiatischen oder sonstwie exotischen Filmen, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Die Vergangenheit zwischen uns weicht auf, und Wolfgang macht eine Flasche Sekt für uns auf, und es ist wie früher. Ich wette mit jedem, der will: Wenn ich nach Hause komme, habe ich eine Postkarte im Briefkasten. Und es wird keine zum Geburtstag sein.


4. Ralf

Das Debakel mit Wolfgang brachte mich kurz aus der Fassung, und in dem Zustand lernte ich Ralf kennen. Er war genau das Mass an Bodenständigkeit, das ich brauchte: Am Wochenende arbeitete er in meiner Stammdisco, unter der Woche hatte er einen festen Job als Kunstschmied, dazu eine Wohnung, ein Auto und ein Motorrad. Sein grösster Wunsch war es, möglichst bald zu heiraten, eine Eigentumswohnung zu kaufen und eine gemeinsame Lebensversicherung abzuschliessen. Ich fand den Gedanken toll, reif und erwachsen und wollte bei dem grossen Plan unbedingt mitmachen, obwohl ich mich heute nicht mehr erinnern kann, warum. Tatsache ist, dass ich sehr verliebt war, und als Ralf mir nach sechs Wochen einen Heiratsantrag machte, sagte ich Ja. Wir zogen zusammen in seine 13-Quadratmeter-Wohnung, besuchten die goldene Hochzeit seiner Grosseltern, und ich weiss, es klingt schrecklich oberflächlich, aber als ich ihn eines Tages dabei beobachtete, wie er die Werkstatt meines Vaters aufräumte, fand ich ihn plötzlich nicht mehr anziehend, sondern schrecklich fade. Es lag nicht daran, dass er die Werkstatt aufräumte, sondern an dem Bild, das er in dem Moment darstellte: Alles, was Ralf vom Leben erwartete, passte in ein Sparkassenpaket.


Also war ich widerlich zu ihm, obwohl ich ihn sehr liebte, und dieser Zustand trieb mich so weit, dass ich beschloss, nach dem Abitur für einige Monate nach Los Angeles zu gehen. Ich fragte ihn nicht, ob er mitkommen wollte.


Ralf schrieb mir einen einzigen Brief, und dass er ihn mit dem Computer verfasste, machte die Sache nicht besser. Irgendwann wussten wir beide, dass es vorbei war und taten nichts, das zu ändern. Als ich zurückkam, erzählte er mir, dass er eine andere Frau kennen gelernt hätte und dass sie vorhatten, zu heiraten. Sie bekamen einen Sohn und liessen sich scheiden, und bald darauf heiratete er eine andere. Kurz vor der Hochzeit rief er mich an. Ich weiss nicht, warum, vielleicht hatte er Panik und wollte, dass ihm jemand sagt, was er tun soll. Ich war schnippisch zu ihm und schäme mich bis heute dafür. Später hörte ich, dass er die Hochzeitsfeier im Stützkorsett verbrachte, angeblich wegen eines Problems mit der Bandscheibe. Insgeheim freute ich mich, weil ich glaubte, dass es etwas Psychologisches war und Ralf nicht wirklich heiraten wollte.


Ich weiss, dass seine Frau eine falsche Schlange ist, weil sie mich von Ralfs Mobiltelefon aus angerufen hat. Sie wollte wohl überprüfen, ob er heimlich Telefonnummern von Frauen aufbewahrt hat und sie fragte: "Hallo, wer genau spricht dort bitte?", das ist der älteste und dümmste Trick der Welt.


Zu Ralfs Mutter habe ich immer noch Kontakt. Sie sagt mir, dass er gerade eine Umschulung zum IT-Kaufmann macht und dass ich ihn nur direkt nach der Schule anrufen darf, weil sonst seine Frau in der Nähe ist. Ich erreiche ihn kurz nach Mittag, und wir stammeln ein bisschen herum, bevor wir uns sonntags bei seiner Mutter verabreden, heimlich, weil seine Frau eifersüchtig ist.


Ralf sieht aus wie früher, ein bisschen Jon Bon Jovi, ein bisschen Bryan Adams, und das ist auch das Einzige, was verwegen an ihm ist. Er sieht müde und abgespannt aus, und er hat kein Stückchen Begeisterungsfähigkeit mehr übrig, vielleicht, weil er sein Lebensziel längst erreicht hat - er bringt tatsächlich ein Foto seiner Eigentumswohnung mit und eines von seinen Kindern - und kurz bin ich versucht zu fragen, ob er wirklich glücklich ist. Aber ich will nicht herumstochern. Wer weiss, was aus uns geworden wäre, wären wir zusammengeblieben. Dann hätte ich jetzt Kinder und in einem Vorort eine kleine Wohnung mit Garten, in dem ein Hund herumtollen würde, und zu Nikolaus würden wir gemeinsam Fensterschmuck basteln. Daran ist nichts Schlechtes. Aber wir haben uns nichts mitzuteilen, weil die Welten, aus denen wir kommen, Lichtjahre auseinander liegen. Das Höflichste, was ich tun kann, ist, mich zu entschuldigen: dafür, dass ich die Chance vertan habe, mit ihm alt zu werden. Und das mache ich auch. Ich rede und rede, und bin froh, dass er mir keine Vorwürfe macht, kein" Du alte Schlampe hast mir mein Leben versaut", obwohl er mir das wirklich gesagt hat, vor Jahren. Aber Ralf sagt gar nichts. Irgendwann frage ich mich, ob er noch im Zimmer oder schon gegangen ist.


5. Scott

Es ist erstaunlich, wie viel Müll man so zusammenfegen kann, wenn man sein Leben genauer betrachtet. Ich hoffe, dass Ralf der grösste Haufen ist, den ich in meinem Leben hinbekomme, aber in Sachen Fehlkommunikation war Scott auch nicht schlecht, obwohl ich glaube, dass wir es beide ohne gebrochene Herzen geschafft haben. Zumindest schreiben wir uns E-Mails zu Weihnachten und zum Geburtstag.

Manchmal springt man von Gegensatz zu Gegensatz, um irgendwie das Gleichgewicht zu halten, und natürlich war Scott das genaue Gegenteil von Ralf. Er fand Heiraten albern und rückständig, wollte auf keinen Fall Kinder und fand die Vorstellung von Wohneigentum so gruselig, dass ich mich auf der Stelle in ihn verliebte. Er spielte Gitarre in einer Jazzband, war Lehrer an der Musikschule in Los Angeles, die ich besuchte, und er war doppelt so alt wie ich. Er hatte drei Hunde, die sehr stanken, und lebte mit einer dicken Mexikanerin in einer Art Hausgemeinschaft. Mir gefiel es, in seinen Konzerten zu sitzen, und mir gefiel es, mit ihm Sex zu haben, aber unsere Vorstellung davon, was Spass bedeutete, verhielt sich zueinander wie Dick und Doof. Und weil ich unfähig war, meinen Bedürfnissen Ausdruck zu geben, verstummte ich. Irgendwann begannen die Hunde, mich zu stören, ich fand es ekelhaft, wie zärtlich er mit ihnen umging, und schon schlichen sich die kleinen Stiche in unser Leben. Ich ging zurück nach Hause und suchte Trost in einer kurzen Affäre mit einem Mann, dessen Namen mir entfallen ist.


All diese Sprachlosigkeit kommt mir zu bekannt vor, als dass sie mich überraschen könnte, und es scheint, als wären all diese Beziehungen schlechte Kopien von dem, was ich mit Gereon hatte. Aber das war mir damals nicht klar, und es hätte auch niemandem genützt. Weder Wolfgang noch Frank, Ralf oder Scott kannten Gereon, und darum bleibt mir nichts, als meine jetzige Reife zu beteuern und mich zu entschuldigen, weil ich es damals nicht besser wusste.


Ich habe Glück, dass Scott auf Europatournee kommt, und als wir uns treffen, sehe ich, dass er eine neue Gitarre hat, eine weisse. Ansonsten sieht er aus wie früher, er trägt immer noch ein schwarzes T-Shirt und Jeans, und er hat einen kleinen Bauch bekommen, aber schliesslich wird er 49 in diesem Jahr. Er spricht mich mit der Stimme aus der Comicserie an, die wir damals immer zusammen gesehen haben (unser Kompromiss an die Jugend hiess "Ren & Stimpy", und die eine Figur schrie ständig "You eeeeeeediot!"), und ich muss lachen. Ich habe das Gefühl, dass es immer noch einen kleinen Zauber zwischen uns gibt, auf die Art, dass der eine immer weiss, was der andere meint, obwohl wir uns inzwischen auf einem anderen Level bewegen: Früher bestand unsere Anziehungskraft auf körperlicher Ebene, heute ist es eher etwas Geistiges, aber ich kann immer noch verstehen, warum ich in ihn verliebt war. Scott fragt nicht nach dem Warum oder Wieso, vielleicht, weil er alt ist und verstanden hat, dass man nicht immer denen Gutes tut, die man liebt.


Ich glaube, das Kapitel Ex-Freunde ist damit erledigt. Ich bin froh, es nochmals aufgeschlagen zu haben, aber was ich gesehen habe, ändert nicht viel an meiner Meinung. Ex-Freunde sollten in der Welt der Freunde keine Zukunft haben, weil sie von der Erinnerung immer am selben Ort festgehalten werden, und sollten sie sich doch bewegt haben, dann garantiert in die falsche Richtung.


Heute bin ich verheiratet. Manchmal erkenne ich die "Grossen Fünf" in meinem Mann wieder, selbstverständlich sind es nur die besten Seiten von ihnen. Wir haben zu Hause eine vollautomatische Cappucinomaschine und denken über eine Eigentumswohnung nach. Mein Mann hat in seinem Mobiltelefon keine einzige Nummer einer Ex-Freundin gespeichert. Das habe ich überprüft.



Das Magazin; 03.05.2003; Seite 14; Nummer 18